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Dienstag, 13. Dezember 2016

Das Schloss in den Wolken

von Lucy Maud Montgomery

aus den Koenigskinder Verlag


Kanada, 1920er.
Valency Stirling ist 29 Jahre alt – und von ihrer gesamten Familie belächelt, weil sie sich wohl nie einen Mann angeln wird und als traurige alte Jungfer sterben wird. Die Stirlings sind nur auf den schönen Schein und die Sittlichkeit bedacht, Freude ist ihnen fremd.
Valency selbst ist jedoch anders: Sie hat einen großartigen, feinen Sinn für Humor, sie wünscht sich ein schöneres Leben, als sie es jetzt hat – und dann ist da noch ihr Blaues Schloss, ein Tagtraum, ihr Lieblingsort, wohin sie sich in Gedanken immer flüchtet, wenn die Wirklichkeit kaum auszuhalten ist, und wo sie die schönsten Dinge erlebt und sieht.
Valency trägt all ihre guten Eigenschaften tief in sich, doch zu Hause, inmitten einer Schar von Stirlings, die immer nur ermahnen und sich beklagen, lässt sie sie nicht zum Vorschein kommen. Sie ist ganz gefangen in den Vorschriften und Reglementierungen, die jeden Tag von allen Seiten auf sie einprasseln.
Sie hat Angst, ihre Mutter zu verstimmen; Angst, gegen die Meinungen und Standpunkte der Stirlings zu verstoßen; Angst, nicht den Schein zu wahren; Angst, auszusprechen, was sie wirklich denkt… Ihr ganzes Leben basiert auf dem Gefühl der Angst.
Doch eines Tages – es ist der Tag, an dem sie erfährt, dass sie krank ist und höchstens noch ein Jahr leben wird – beschließt sie, dass es genug ist. Sie hat plötzlich keine Angst mehr vor ihren Verwandten und sagt endlich ihre Meinung. Sie lässt sich nichts mehr vorschreiben und zieht – zum Entsetzen der ganzen Familie – zu ihrer tuberkulosekranken Freundin um dieser bis zu deren Tod einige schöne Tage zu bereiten.
Dort lernt sie Barney Snaith näher kennen, der weit oben am Mistawis-See lebt, und über den im Ort die wildesten Gerüchte im Umlauf sind.
Sie verliebt sich in ihn, macht ihm einen Heiratsantrag (die Stirlings kippen fast aus den Latschen, als sie das erfahren) und zieht mit ihm auf seine Insel im See, wo sie ihr Blaues Schloss wiederfindet. Dort erlebt sie die glücklichste Zeit ihres Lebens – und sie ist endlich frei.


Diese kleine, unterhaltsame, wunderschöne Geschichte ist das Portrait einer Frau, die lange genug geschwiegen hat und nun endlich ihre Meinung sagt, sich nicht mehr unterbuttern lässt und ihren eigenen Weg geht.
Anfangs ist sie eine langweilige, verbrauchte „alte Jungfer“, doch auch hier schlummern schon ihre tollen Talente und Eigenschaften in ihr. Ganz besonders ist es, mitzuerleben, wie sie sich auf einmal entfalten, wie Valency den Mut aufbringt, den Mund aufzumachen und zu tun, was ihr wichtig ist – ohne noch mehr Gedanken daran zu verschwenden, was die Leute wohl von ihr halten mögen.

Und wenn man Valency dabei zuschaut, wie glücklich sie ist in ihrem Blauen Schloss in den dunklen Wäldern des Mistawis, dann bekommt man die Sehnsucht, ein Leben wie sie zu führen, ein Leben mit Sinn und in Freiheit.


„Wie hatte Valency den Winter immer gehasst! Öde, kurze, ereignislose Tage. Lange, kalte Nächte ohne Gefährten. […] Endlose Erkältungen und Bronchitis oder die Angst davor. […]
Doch nun liebte sie den Winter. ,Da droben war der Winter so schön, dass es fast wehtat. Kristallklare Tage. Abende wie Kelche voll funkelndem Gold […] Die Nächte mit ihren Sternenfeuern. Kalte, beglückende Wintersonnenaufgänge. Wunderhübsche Eisblumen auf allen Fenstern des Blauen Schlosses. Mondschein auf silbern bereiften Birken. […] Zeiten tiefer Stille, weltabgewandt und suchend. Juwelenbehangene, wilde Hügel. Sonnenstrahlen, die sich über dem langen, weißen Mistawis aus grauen Wolken schoben. […] Jede Stunde brachte neue Offenbarungen und Wunder.“





Gelesen von Antonia(16)